Sudetendeutschen Freikorps

Sudetendeutsche Freikorps

Am 16.September 1938 suchen der Vorsitzende der sudetendeutschen Partei, Konrad Henlein, und sein Stellvertreter, Karl Hermann Frank, den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler auf und baten um die Genehmigung zur Aufstellung eines Freikorps aus Sudetendeutschen. Als Henlein und Frank bei Hitler erschienen, befand sich die „Sudetendeutsche Krise“ auf dem Höhepunkt.

Schon im Mai 1938 waren unter fadenscheinigen Gründen die tschechoslowakische Armee teilweise mobilisiert und zwei Reservistenjahrgänge einberufen worden – offensichtlich um die im Sudetenland stattfindenden Gemeinderatswahlen „militärisch unter Druck zu setzen“. Die Deutschen sahen insbesondere in der Mobilmachung ein Zeichen der tschechischen Kriegsbereitschaft und den Versuch, die Westmächte durch „Nägel mit Köpfen“ an der Seite der Tschechoslowakei zu erzwingen.

Als Henlein und Frank 1938 die Aufstellung eines Freikorps vorschlugen, erkannte Hitler sofort, das sich mit Hilfe bewaffneter sudetendeutscher Einheiten der Schutz der Sudetendeutschen vor tschechischen Übergriffen-die ständig zunahmen-verbessern ließ, und erteilte deshalb am 17.September den Befehl zur Aufstellung des Sudetendeutschen Freikorps.

Am 18.September sprach Henlein im deutschen Rundfunk und forderte sie sudetendeutschen Männer zum Eintritt in das Freikorps auf. Das Echo war groß, schon am nächsten Tag standen zirka 15.000 Freiwillige bereit.

Die Einheiten des Freikorps wurden im Grenzgebiet auf reichsdeutscher Seite aufgestellt. Die Kampfkompanien wurden fünf bis acht Kilometer hinter der Grenze stationiert, ein Kompanieabschnitt umfaßte dabei das Territorium eines deutschen Bezirksamtes, die personelle Ergänzung erfolgte aus dem gegenüberliegenden sudetendeutschen Gebiet.

Nächsthöhere Strukturelemente waren dann das Bataillon und die Gruppe. Zunächst wurden die Gruppen“ Schlesien„, „Sachsen„, „Bayrisch Ostmark“ und „Alpenland“ aufgestellt. Später wurde die Gruppe „Sachsen“ geteilt.

Am 19. September 1938 wurde Franz May während der Sudetenkrise mit der Führung der sächsischen Gruppe 2  des Sudetendeutschen Freikorps betraut.
13.264 Männer in 14 Bataillonen mit 71 Kompanien (Stand 1. Oktober 1938), ab 25. September 1938 Abschnitte Zittau bis Asch

Für die Aufstellung, Ausrüstung, Ausbildung und Versorgung war die nationalsozialistische SA zuständig. Aus politischen Gründen dürfte der Freikorps anfangs nur mit österreichischen Waffen ausgerüstet werden, deren Bestand aber nur für 20 Prozent der freiwilligen ausreichte. Bis zum 22.September erreichte das Freikorps eine Stärke von 26.000 Mann, und die Wehrkommandos erhielten den Befehl, auch Waffen aus Wehrmachtsbeständen an das Freikorps auszugeben.

Das Unterstellungsverhältnis des Freikorps war recht kompliziert. Die SA stellte zwar den Stabschef und einen Verbindungsoffizier, hatte aber nicht die operative Befehlsgewalt. Diese lag formell beim Oberkommando der Wehrmacht, welches mit Oberstleutnant Friedrich Köchling auch einen Verbindungsoffizier und militärischen Berater für den eigentlichen Befehlshaber – Konrad Henlein – bereitstellte. Im Hintergrund wirkte der Chef der Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris, der in ständiger  Verbindung mit Henlein stand.

ČSR – Geheimdienst hatte Top-Spion in der deutschen Abwehr

Neben dem Schutz der sudetendeutschen Bevölkerung  wurde das Freikorps von Canaris auch für die Aufklärung im Grenzgebiet genutzt.
Das Oberkommando der Wehrmacht arbeitete aufgrund der sich abzeichnenden Krise vorsorglich schon ab Ende 1937 an einem Notfallplan zur Besetzung der Tschechoslowakei (Fall Grün). Am 9.September 1938 wurde der Plan nochmals präzisiert. Er sah vor, mit fünf Armeen in das tschechische Landesteil vorzurücken. Zwei Armeen sollten dabei mit einer Zangenbewegung, die gegnerischen Truppen im tschechischen Landesteil einkesseln, während die drei weiteren Armeen diese dann zu vernichten hatten. Als Vorrauskräfte waren 21 Sturmregimenter zum Durchbruch durch die Tschechischen Befestigungsanlagen geplant. Die ganze Operation sollte blitzartig durchgeführt werden, ohne das die Tschechoslowakische Armee Gelegenheit bekäme, an der Grenze Widerstand zu leisten.
Doch die Deutschen wußten nicht , das dem tschechoslowakischen Generalstab dieser Plan bekannt war. Der tschechoslowakische Geheimdienst verfügte über einen Top-Spion: dem Mitarbeiter der nachrichtendienstlichen Abwehr Paul Thümmler. Dieser versorgte den tschechischen Generalstab regelmäßig mit den geheimsten Dokumenten der Wehrmacht.

Bereits am 18.September hatte die Führung des Freikorps die operative Prinzipien für die Aufgabe des Freikorps festgelegt. Schon in der Nacht vom 19.zum 20.September begannen die Auktionen des Freikorps. Im Verlauf des 21. und 22.September gelang es dem Stab, die Aktionen des Freikorps besser zu koordinieren, auch das Meldesystem kam in Gang. Die beim Stab eingerichtet Fernschreibstelle alle gewonnenen Informationen direkt an die Nachrichtenzentrale der Abwehr in Berlin. [1] Das Freikorps berichtete der Abwehr mehrmals täglich z.B. über Truppenbewegung der tschechoslowakischen Armee im Grenzgebiet und den Neubau von tschechoslowakischen Stellungen, die zur Ergänzung des Befestigungssystem angelegt wurden. Diese Meldungen gewannen an Bedeutung, nach dem am 26.September auch noch die Generalmobilmachung der tschechoslowakischen Armee befohlen worden war, was erneut eine Zuspitzung der Krise durch die Tschechen bedeutete.

Gleichzeitig mit der Mobilmachung wurde zudem ein vorbereiteter Plan für diverse Sperren umgesetzt, der eine echte Überraschung für die Wehrmacht war: Eine Vielzahl kleiner Sperren, wie z.B. Baumscheren und Zerstörungen von Telefonleitungen wurde sofort realisiert, andere wiederum wurden so vorbereitet, daß man sie bei Bedarf kurzfristig realisieren konnte. Alle Elbbrücken, Elektrizitätswerke und Betriebe mit strategischer Bedeutung wurden zur Sprengung vorbereitet. Außerdem wurden 20.000 Sudetendeutsche kurzerhand als Geisel genommen. Diese Maßnahme setzte das tschechoslowakische Staatsschutzkorps, zusammengesetzt aus Sondereinheiten von Polizei, Gendarmerie und Armee, um.
Spätestens am 25.September wurde aus den Meldungen des Freikorps bereits ersichtlich, das der Plan zum „Fall Grün“ modifiziert werden mußte, weil die tiefgestaffelte Verteidigung der Tschechen das Überraschungsmoment unwirksam machte.

Nach der tschechoslowakischen Generalmobilmachung am 26.September erhielt das Freikorps die Aufgabe, ortskundige Lotsen vorzubereiten, die gegebenenfalls die Truppen der Wehrmacht beim Einmarsch in das Sudetenland führen sollten.

Zu einem Krieg kam es letztlich nicht: In langwierigen Verhandlungen gelang es der deutschen Regierung, die Großmächte Frankreich, Großbritannien und Italien für eine friedliche diplomatische Lösung zu gewinnen, die am 30.September 1938 zum Münchner Abkommen führte. Nachdem die tschechoslowakische Regierung bereits am 21.September der Abtretung des Sudetenlandes in einer Erklärung zugestimmt hatte, regelte das Münchner Abkommen die Einzelheiten dieses Gebietswechsel. Dazu gehörte, das deutsche Truppen vom 1.bis 10.Oktober 1938 die abgetretenen Gebiete kampflos besetzen. Daran beteiligte sich auch das Sudetendeutsche Freikorps, das dazu dem Chef der Deutschen Ordnungspolizei, Kurt Daluege [2],als Hilfspolizei unterstellt wurde. Aus dem Bestand wurden Hundertschaften aufgestellt und auf die Polizeiabschnitte aufgeteilt, ehe das Korps als solches am 8.Oktober schließlich aufgelöst wurde.

 

Die Aufstellung des Sudetendeutschen Freikorps war eine organisatorische Meisterleistung, ist es doch gelungen , eine aktionsbedingte Truppe in einer Stärke von 26.000 Mann in wenigen Tagen ins Leben zu rufen und in den Einsatz zu führen.

 

[1] Die Originalfernschreiben liegen noch heute im Militärhistorischen Archiv in Prag.
[2] Daluege war Chef der Ordnungspolizei und Stellvertreter Heinrich Himmlers im Polizeibereich.

 

„Kampf in Böhmen“ – Hans Krebs 1936
„Die Grenzen fallen“ – Helmut Südermann 1939
„Die Sudetendeutschen“ – Hugo Theisinger 1987
„Deutsche Militärzeitschrift“ Nr.96/ November 2013 – Dr. Helmut Dreese
„Unser Niederland“ Ausgabe 823 Juni 2018 – S.160/161

error: Bild- und Datenschutz!