Herbst 1938

Über dem Land hatten sich dunkle Wolken zusammengezogen, und die Kasernen des 42.Infanterieregimentes in Theresienstadt war leer geworden. Einige Offiziere wurden schon im Sommer in das nordböhmische Grenzgebiet versetzt, wo leichte Befestigungen gebaut wurden. In Theresienstadt war nur die Regimentskommandeur und ein Wachbataillon zurückgeblieben.Im August 1938 waren die meisten Teilabschnitte der Schöberlinie fertiggestellt, wodurch sich auch der Druck des nazistischen Nachrichtendienstes immer mehr verstärkte. Die Septemberverordnung zur Bereitschaft der Truppe und des Nachrichtendienstes sowie die Anordnung zur Verstärkung der ersten Angriffswelle setzten die Einheiten der Armee in höchste Bereitschaft.

Anfang September wurden die ersten Reservisten einberufen. Ein Teil von Ihnen wurde in der alten theresianischen Kaserne eingekleidet und ausgerüstet. Der Rest beim Ersatzbataillion in Weißwasser (Bělá pod Bezdězem). Weitere Ausrüstungsstandorte befanden sich in Böhmisch Kamnitz (Česká Kamenice) und Steinschönau (Kamenický Šenov). Nach der Einkleidung und Ausrüstung wurden die Reservisten sofort zur Verstärkung der ersten Angriffswelle in das nordböhmische Grenzgebiet abtransportiert. Das 42. Infanterieregiment grenzte bei Bilin (Bílina) an das erste Grenzbataillon. Es besetzte die Befestigungen um Bodenbach (Podmokly), Aussig (Ústí), Bensen (Benešov nad Ploučnicí), Böhmisch Kamnitz (Česká Kamenice), Kreibitz (Chřibská), sowie das Schluckenauer (Šluknovský), Rumburg (rumburský) und Warnsdorf (Varnsdorfský) Gebiet bis nach Neuhütte.
Nach dem Plan der Grenzsicherung hatte die voraussichtlich angenommene Front seiner Bataillone eine Länge von 82 km. Zur Mobilisation stellte das Ersatzbataillon des 42.Infanterieregimentes außer einem Feldregiment noch das 92.Infanterieregiment B und das 151.Regiment ZLO (záloha leteckě obrany – Reserve der Luftverteidigung). Nach Einreihung dieser Maßnahmen erreichte die Truppe eine Stärke von 12.000 Mann. Östlich bei Margarethendorf (Mařenice) knüpfte das 42.Infanterieregiment an die Stellung des 2.Infanterieregimentes aus Böhmisch Leipa (Česká Lípa). Noch weiter nach Osten befand sich die Verteidigungslinie des 44.Infanterieregimentes aus Reichenberg (Liberec), welches im Isergebirge (Jizerské hory) durch zwei Wachbataillone verstärkt war. Am 1.September 1938 wurde das XXII. Wachbataillon, welches die hügelige und bewaldete Umgebung des Schöbers verteidigte, zum vierten Bataillon des 42.Infanterieregimentes umbenannt.
Sechs im Kampfraum eingesetzte Bereitschaftsabteilungen, verstärkt durch Panzer und Panzerautos, hatten ihre Feuertaufe mittlerweile schon bestanden. Zu Einsätzen kam es in Bensen (Benešov nad Ploučnicí), Sandau (Žandov), Dittersbach (Jetřichovice), Haida (Nový Bor), Dauba (Dubá), Karbitz (Chabařovice) und weiteren Orten. Die Städte Schluckenau (Šluknov), Rumburg (Rumburk), Warnsdorf (Varnsdorf), Böhmisch Leipa (Česká Lípa), Steinschönau (Kamenický Šenov), Böhmisch Kamnitz (Česká Kamenice), Bodenbach (Podmokly) und Aussig (Ústí) sind Orte mit einer uns feindlich gesinnten Bevölkerung. So beschrieb der Kommandeur des 42.Infanterieregimentes in einer Meldung die Lage im Herbst 1938.

Nun ging es nicht mehr um eine Demonstration der Stärke, wie bei der Abriegelung der Grenze im Mai, sondern um einen Kampf mit einem tückischen Gegner. Vom nazistischen Geheimdienst der Wehrmacht organisierte Abteilung mit der Bezeichnung „K“ oder „M“ Organisation konnten jedoch im Grenzgebiet keine wesentlichen Erfolge erzielen. Sie haben vor dem Eintreffen der Wehrmacht nicht eine einzige Stellung erobert, um das Tor im Wall zu öffnen. Im Vorfeld kam es schon am 22.September zu Geplänkeln zwischen Mitgliedern der SdP (Sudetendeutsche Partei) und Wachen der SOS (Stráž obrany státu – Wache zur Verteidigung des Staates), welche sich aus drei Soldaten. Einem Gendarmen und einem Mitglied der Finanzwache zusammensetzten. Diese Plänkeleien fanden jedoch nicht in unmittelbarer Nähe der Verteidigungslinie statt. In der Vormittagsstunde des 22.September empfing der diensthabende Offizier in der Nachrichtenzentrale der 3.Division Leitmeritz eine schlechte Nachricht nach der anderen. Für viele dieser Nachrichten könnte er Oberleutnant Alexa danken sowie den Wachen SOS aus dem Regimentsabschnitt ZH (Zajištení hranic – Grenzsicherung) des 42.Infanterieregimentes.
Einheiten des Sudetendeutschen Freikorps hatten mit dem Druck auf den Schluckenauer Zipfel begonnen. Durch den Verrat der Bezirkshauptmänner in Rumburg (Rumburk), Schluckenau (Šluknov) und Warnsdorf (Varnsdorf) und nach dem der Kommandeur der Warnsdorfer SOS-Kompanie Oberleutnant Jansa sich der Warnsdorfer SdP-Führung angeschlossen hatte, kam es zum Durchbruch auf fast der ganzen Linie des Reichenberger SOS-Bataillons. Es war in diesem Teil des Grenzgebietes die stärkste Einheit, welche das Vorfeld sicherte. Wer könnte zog sich zur Verteidigungslinie zurück, die anderen fielen in Gefangenschaft. Nach diesem Putsch von Henleins Sudetendeutschen Partei wurden Schluckenau (Šluknov), Rumburg (Rumburk) und Warnsdorf (Varnsdorf) von Ihnen beherrscht.

Foto:Herbert Haake

22.September 1938 – Das unterhalb vom Ebersbacher Krankenhaus bzw. der Wanke-Klinik auf Georgswalder Seite stationierte ČSR-Militär verläßt das Grenzgebäude. Foto: Herbert Haake

 

Es gab keine fähigen Einheiten, diesen Durchbruch, welcher zur Hauptverteidigungslinie führte, zu unterbinden. Die sechs Bereitschaftsabteilungen waren nicht im Stande, die Beobachtungs- und Verteidigungspositionen an der Grenze wiederherzustellen. Um 23:00 Uhr übergab die Kommandostelle DOMINIK vom 33.Grenzabschnitt dem Kommandeur des Ersatzbataillons vom 42.Infanterieregiment in Weißwasser (Bělá pod Bezdězem) ein wichtiges Phonogramm, welches in Eile von Leutnant Trejbal übernommen wurde: „Das Divisionskommando befielt, daß alle freien Männer sofort bewaffnet und mit Handgranaten versorgt werden. Sie begeben sich mit ihren Offizieren schnellstens nach Böhmisch Leipa (Česká Lípa) und melden sich sofort bei Oberst Navrátil ...“Es handelt sich um die letzte Reserve, welche gemeinsam mit den Assistenzeinheiten des 42.Infanterieregimentes noch eingesetzt werden konnte.
In der Nacht vom 22.September zum 23.September bekam der neue Kommandeur des 42.Infanterieregimentes Oberst des Generalstabes Navrátil vom Divisionskommando als Verstärkung noch das 1.Bataillon des 47.Infanterieregiment aus Jungbunzlau (Mladá Boleslav) zugeteilt mit dem Befehl zur Unterdrückung des Putsches im Grenzgebiet.

 

Hauptverteidigungslinie

Das 1.Bataillon des 47.Infanterieregimentes zusammen mit den Einheiten des 42.Infanterieregimentes begann am 23.September um 9:00 Uhr den Vorstoß gegen Schönlinde (Krásná Lípa). Die Putschisten leisteten nur einen geringen Widerstand, so dass der Bataillonskommandeur Major Klor melden konnte:“ Bei der Säuberung der Stadt und ihrer Umgebung sind wir auf keinen namhaften Widerstand gestoßen. Es genügten ein paar Garben aus dem Maschinengewehr, und die Putschisten waren verschwunden…“
Von diese morgendlichen Vorstoß, welcher den Schluckenauer Zipfel von den Putschisten säubern sollte, berichtete der Kommandeur einer Kompanie des 47. Infanterieregimentes Stabskapitän Spaček: “Bei Tagesanbruch überschritten wir die Verteidigungslinie am Schöber. In der Ferne war Maschinengewehrfeuer zu hören. Bald darauf kam der Befehl zum Einsatz. Meine Kompanie gehörte zur zweiten Einsatzwelle, und wir bewegten uns in der Mitte des Bataillons in Richtung St.Georgental (Jiřetín pod Jedlovou). Am Spätnachmittag erreichte die erste Welle ohne Widerstand die Orte Warnsdorf, Rumburg und Nixdorf (Mikulášovice). Die zweite Welle drang in Schönlinde ein und bereitete sich zur Übernachtung vor. Den ganzen 23.September wurden wir nicht verpflegt, trotzdem kam es zu keinem Disziplinverstoß. Auf den Wegen begegneten wir Flüchtlingen, welche hinter der Schöberlinie Schutz suchten. Unter ihnen waren viele deutsche Sozialdemokraten und Kommunisten, welche uns baten, dass wir sie nicht im Stich lassen sollten. Zu rührenden Szenen kam es mit Kindern, und uns wurde dabei bange.“
Zu den letzten Schießereien kam es an den Straßenkreuzungen in St.Georgental und Schönborn, wo vom Freikorps der Zugang nach Warnsdorf und Rumburg verteidigt wurde. Genau um 16:00 Uhr drangen die Soldaten, unterstützt von drei leichten Panzern, in das Zentrum von Warnsdorf ein. Von einer Anhöhe hinter dem Bahnhof beobachtet der Bataillonskommandeur, wie Gruppen von Zivilisten, welche auf Leiterwagen das nötigste mitführten, über die Grenze flohen. Ihnen folgten Freikorpsmitglieder und ihre Verbündeten von der SA und SS. Gegen 18:00 Uhr abends, als die Soldaten in den Warnsdorfer Straßen nach versprengten Freikorpsmitgliedern suchten, pfiff vom Bahnhof her eine Lokomotive. Den Eisenbahnern war es am Nachmittag gelungen, die beschädigte Strecke instand zu setzen, so dass ein Panzerzug in die Stadt einfahren konnte. Seine auf die Stadt gerichtete Kanonen und Maschinengewehre lösten unter der Bevölkerung Schrecken aus. Noch vor der Dämmerung verließ der Panzerzug die Stadt und begleitete die Einsatztruppe nach Rumburg (Rumburk). In Warnsdorf beschlagnahmten die Soldaten zwei Lastwagen mit Waffen und eine Funkstation der „Abwehr“. Der festgenommene Bezirkshauptmann Czika und weitere prominente Warnsdorfer ließ Oberst Navrátil in das Gefängnis des Bezirksgerichtes in Böhmisch Leipa (Česká Lípa) eskortieren. Das Blatt hatte sich gewendet, und die Armee hatte den größten Teil des Schluckenauer Ausläufers fest in ihrer Hand.

In der Nacht vom 23.September zum 24.September hatte sich die Lage jedoch schnell geändert. Verständnislos beobachteten die Einwohner Warnsdorf hinter ihren Gardinen, wie sich motorisierte Kolonnen der Armee zusammenreihten. Aus der Stadt wurden die letzten Soldaten zusammengezogen, welche sich der SOS-Wachen anschlossen. In der Nacht hatte die tschechoslowakische Regierung die Mobilisation angeordnet, deshalb mußten sich alle Armeeinheiten zur Hauptverteidigungslinie am Schöber zurückziehen. Das Landeswehrkommando in Prag hatte beschlossen, daß vor der Hauptverteidigungslinie nur SOS-Wachen operieren dürfen. Auch das Bataillon des 47.Infanterieregimentes kehrte in seine Ausgangsposition zurück. Dieser Einsatz gegen die Putschisten war nicht der einzige, denn sie hatten ebenfalls Rumburg (Rumburk) und seine Umgebung fest in ihrer Hand.

In Rumburg (Rumburk) hatte bisher nur die Kaserne des 3.Bataillons vom 42. Infanterieregimentes standgehalten. Sein Kommandeur, Oberstleutnant Martinec, schilderte die Ereignisse des 23.September in Rumburg folgend:
Es war ein sehr schöner warmer Tag, und der Herbst hatte gerade begonnen. Trotzdem war über den ganzen Schluckenauer Ausläufer der Ausnahmezustand verhängt worden, und es kam an diesem Tag überall zu Unruhen, für welche die Mitglieder der Sudetendeutsche Partei sorgten. Das Geschehen an diesem Tag konnte man mit einem Putsch vergleichen. Nicht anders war die Lage in Rumburg (Rumburk), wo nur noch die letzte Kaserne standhielt. Schon am Vormittag versammelte sich die Rumburger Bevölkerung am Marktplatz, und es waren mehrere tausend Leute zusammengekommen. Aus dem Fenster meines Büros sah ich in der ganzen Umgebung Hakenkreuzfahnen Wehen. Kurz vor 10:00 Uhr zogen die letzten SOS-Wachen in die Kaserne zurück. Sie bildeten in der Stadt kleine wichtige Inseln und waren der fanatischen Menschenmenge auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. In manchen Teilen der Stadt wurden einige von ihnen entwaffnet, weil die Soldaten von ihren Waffen keinen Gebrauch machen durften, was ihren Dienst sehr erschwerte. Als ich gegen 10:00 Uhr die Polizeiexpositur anrief, blieb das Telefon stumm, und ich war der Meinung, das man die Telefonleitung unterbrochen hatte. Auf meinem Befehl war ein Offizier mit einem Stoßtrupp in das Postamt eingedrungen und musste dort feststellen, dass die Telefonistin ohnmächtig am Boden lag. Sie war ohne Ablösung 48 Stunden im Dienst gewesen, wobei die große Ungewißheit und Nervenbelastung ihren Zustand verursacht hatte. Den Dienst übernahm ein Telefonist aus der Kaserne und das gerade zur rechten Zeit, denn kurz nach 11:00 Uhr konnte er mir ein Eilgespräch aus Böhmisch Leipa (Česká Lípa) übergeben. Das Gespräch war kurz und verlief folgend:“ Herr Oberstleutnant notieren Sie sich die Zeit, es ist 11:16 Uhr. Führen Sie Parole ORLIK durch! Ist Ihnen die Parole klar? Herr Major, ich habe verstanden und werde ORLIK durchführen.“ ORLIK bedeutet den verschärften Schutz der Staatsgrenze, und so war der weitere Aufenthalt in der Kaserne zwecklos geworden. Es bestätigte sich, wie gut es war, daß ich diese Situation vorausgesehen hatte und die 10.Kompanie nach Böhmisch Leipa verlegte. Auch die 11.Kompanie hatte ich mit allen Maschinengewehren ins Vorfeld der Schöberlinie eingesetzt. Die 9.Kompanie war auf dem Rumburger Bahnhof mit dem Verladen überschüssigen Materials beschäftigt. Um 15:00 Uhr war die Einwaggonierung beendet, und der Zug, von einer starken Eskorte bewacht, verließ dampfend den Bahnhof in Richtung Böhmisch Leipa. Um14:45 Uhr verstummte das Telefon für immer, und unser Telefonist kehrte mit der Nachricht in die Kaserne zurück, daß die ganze Stadt in den Händen der Putschisten ist. Die letzte Möglichkeit zur Überbringung einer Meldung waren unsere vier Brieftauben. Zwei von ihnen wurden auf meinen Befehl mit der Nachricht losgelassen, daß sich das Bataillon vorbereitet, die Stadt zu verlassen. Gegen 15:30 Uhr füllten sich die Wege um die Kaserne mit Rumburger Einwohner, welche zum größten Teil aus Frauen bestanden. Sie schrien und beschimpften uns und forderten, daß wir die Stadt verlassen. Mein Ultimatum war eindeutig:“ Solange sich vor der Kaserne ein einziger Mensch befindet, bleiben wir und eröffnen das Feuer. Gleichzeitig forderten wir die Rückgabe der beschlagnahmten Waffen.“ Das hatte gewirkt, die Menschen um die Kaserne waren verschwunden, und die Waffen bekamen wir zurück. Am Spätnachmittag um 16:45 Uhr , gesichert durch eine Vor- und Nachhut, hat das Bataillon ohne einen Zwischenfall Rumburg verlassen. Erst in Schönlinde waren gegen uns einige Schüsse gefallen, wir waren jedoch schnell Herren der Lage geworden. Genau 22:00 Uhr erreichten wir die Hauptverteidigungslinie und trafen in tiefster Nach in Böhmisch Leipa ein.
Soweit die Erinnerung von Oberstleutnant Martinec zur Lage in Rumburg.

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