Niederkamnitz

Gemeindebereich

Die Gemeinde Niederkamnitz – Gerichtsbezirk Böhmisch-Kamnitz – bestand aus den Ortschaften Niederkamnitz, Philippsdorf und Henne, das auch Henneberg genannt wurde. Von letzterem zu unterscheiden ist der angrenzende Ortsteil Henne, der seit Anfang des 19. Jahrhunderts als Vorstadt auf dem Gebiet der Stadt Böhmisch-Kamnitz entstand.
Mundartliche Aussprache des Ortsnamens: „Niederkamtz“, „Philippsdarf“, „Hennebarg“.
Gesamtfläche der Gemeinde: 538 ha

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Ortsgeschichte

Das ganze Gebiet der Gemeinde Niederkamnitz gehörte stets zum gleichen Herrschaftsgebiet wie die Stadt Böhmisch-Kamnitz, das heißt, es war ursprünglich Bestandteil der 1283 von der Gaugrafschaft Tetschen abgespaltenen Herrschaft Scharfenstein. Von 1535 an Bestandteil der damals gebildeten Herrschaft Kamnitz, bis es 1850 dem Gerichtsbezirk Böhmisch-Kamnitz eingegliedert wurde.

Ortsteile Gemeinde

Ortschaft Niederkamnitz

Niederkamnitz dürfte als westlicher Teil des großflächigen Dorfes Kamnitz entstanden sein, das in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als deutsches zweireihiges Waldhufendorf entlang des Kamnitzbaches gerodet wurde. Als bald darauf um 1260 bis 1270 der mittlere Teil der Gesamtsiedlung zur Stadt erhoben wurde, blieb Niederkamnitz außerhalb der 1278 urkundlich belegten Stadtumwandlung und entwickelte sich dadurch zur selbständigen Ortschaft ebenso wie der östliche Teil der Gesamtsiedlung, das spätere Oberkamnitz. Ein wichtiges Indiz für diese planmäßige Aufteilung ist die Tatsache, dass Niederkamnitz, Oberkamnitz und Böhmisch-Kamnitz je das gleichermaßen Grundareal von 528 ha aufwiesen.

Der Ortsname „Kamnitz“ dürfte nach allen Umständen zu schließen von dem Gewässernamen Kamnitzbach übernommen worden sein, der so viel wie Steinbach bedeutet. Dies ändert nichts daran, dass Niederkamnitz – wie seine Hof- und Fluranlage zeigt – auf eine deutsche Gründung zurückgeht.

Der älteste Nachweis für das Bestehen von Niederkamnitz stammt nach Neder von 1420. Wahrscheinlich bezieht sich aber schon die Erwähnung „in dem Dorf an dem Ende“ in den Libri erectionum von 1393 auf Niederkamnitz. In der Hoflehentafel kommt in lateinischer Sprache 1457 „Kempnicz inferior“ und 1460 (für 1428) „Camenicze inferior“ vor. Die tschechisch geführte Landtafel weist 1614, 1619 und 1635 „doleyssi Kameniczy“ nach.

Da das älteste Kamnitzer Stadtbuch die Ortschaft Niederkamnitz nicht eigens Nachweis, lassen sich für das 14. bis 16. Jahrhundert keine für die Ortschaft charakteristischen Familiennamen benennen und auch keine Angabe über die damalige Größe machen. Dies ist erst für das 17. Jahrhundert möglich.

In der StR von 1654 sind „Nieder- und Ober Kamnitz“ zwar zusammengefasst, doch lässt sich „Niederkamnitz“ auf Grund der Reihenfolge der Häuser erkennen. Die Zahl der Bauern betrug 8 (davon 7 mit 14 bis 20 Strich und 1 mit 30 Strich Acker), die Zahl der Häusler 4, die Gesamtzahl der Häuser somit 12. Die Bauern hießen Knappe, Lehnert, Hickisch und Arlt. Zur Zeit des TK von 1713 gab es in „Nieder Kamnitz“ nur 7 Bauern und 8 Häusler, zusammen also 15 Häuser. Vielleicht war ein Bauerngut in den Meierhof einbezogen worden. Die Namen der Bauern lauteten: Knappe und Hickisch, Arlt, Fiedler, Heckel und Lehnert. Auf 0,1 Strich Fläche wurde Hopfen angebaut. Gemäß dem Dominikalkataster 1756 hatte die Herrschaft in Niederkamnitz 1 Mühle mit Säge sowie 2 Walken.

In der Müller’schen Karte von 1720 ist die Ortschaft als „Unter Kamnitz „, in der Josefinischen Karte von 1781/82 als „Nieder Kamnitz“ verzeichnet. Der Topograph Schaller (1787) gab für „Unter Kamnitz“ (ohne die inzwischen entstandenen Orte Henne und Philippsdorf) 58 Nummern an, der Topograph Sommer (1833) für „Nieder-Kamnitz“ 63 Häuser mit 431 Einwohnern. Es bestand eine Glashandlung, die hauptsächlich nach Sachsen Geschäfte betrieb.

Bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts begann durch die Gründung mehrerer Industriebetriebe im Ort sowie im benachbarten Böhmisch-Kamnitz ein schnelles Wachstum der Einwohnerzahl, nämlich von 468 im Jahre 1857 über 591im Jahre 1869 und 786 im Jahre 1890 auf 1064 im Jahre 1910 (durchwegs Deutsches).

Industrie: 1855 entstand die Schafwollspinnerei Wenzel Böhm (ursprünglich seit etwa 1840 in Oberkamnitz); 1859/60 wurde die erste Baumwollspinnerei (Fabrik Rabstein I) des späteren Großindustriellen Franz Preidel errichtet; 1857 (oder schon 1847) die Schafwollspinnerei Anton Kasper (später Franz Schlenz), die seit 1847 von Franz Knappe Sohn als Baumwollspinnerei weitergeführt und 1888 nach einem Brand erweitert wurde (die Firma besaß bereits 1885 elektrischen Strom und Telefon). Die Fa. Knappe hatte 1880 auch die vorgenannte Fa. Wenzel Böhm und etwa auch zu diesem Zeitpunkt die Spinnerei Schwaab übernommen. Noch vor 1894 kam die Wollwarenerzeugung Josef Storch dazu. Im Jahre 1908 bestanden außerdem 1 Dampfziegelei, 3 Brettsägen und 1 Roleaux- und Jalousienerzeugung M. Pietschmann – Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die 1828 in Kaltenbach gegründete und 1873 nach Böhmisch-Kamnitz verlegte Weberei Florian Hübel zeitweise in Philippsdorf befunden. 1875 gab es in Niederkamnitz und Henne zusammen 4 Glaskuglerwerkstätten.

Die häufigsten Familiennamen in Niederkamnitz waren 1934: Michel, Günther, Fiedler, Knappe, Kunert, Peißig, Ahne, Bendel, Hackel, Knechtel, Lehnert, Neider, Schmidt, Seidel, Ubmann und Wertner.

Im Juni 1944 war auf Niederkamnitzer Gebiet in der Nähe der ehemaligen Preindel‘schen Fabrik Rabstein l das Barackenlager Rabstein errichtet worden, in welchem etwa 600 aus Flossenburg/Bayern verlegte und bei Weserflugzeugwerken eingesetzte KZ-Häftlinge untergebracht waren. In der Zeit von Mai 1945 bis 15.April 1946 waren in diesen Baracken Deutsche inhaftiert (KZ-Rabstein).

Meierhof: Die erreichbaren Nachrichten über den Meierhof in Niederkamnitz sind spärlich. Möglicherweise existierte er bereits im 15. Jahrhundert, sicher aber Ende des 16. Jahrhunderts. Im Dominikalkataster 1756 erscheint der Meierhof mit 427 Strich Gesamtfläche, davon 398 Strich Acker. Auf der Josefinischen Karte von 1781/82 ist der „Mayenhof“ und ein „Hopfenhaus“ eingetragen. Im Jahre 1833 wurde der Hof noch von der Herrschaft bewirtschaftet, gegen Ende des 19. Jahrhunderts war er parzelliert verpachtet und wurde vermutlich nach dem Ersten Weltkrieg im Zuge der tschechischen Bodenreform an die Pächter verkauft.

Ortschaft Henne oder Henneberg

Der Zeitpunkt der Entstehung von Henne lässt sich nach der gegenwärtigen Quellenlage nicht mit Sicherheit bestimmen. Der Ortsnamenforscher Profous ist der Ansicht, dass der 1460 in der tschechisch geführten Hoflehentafel vorkommende Ort „Hunikow“ der Vorläufer von Henne war. Im alt Böhmisch-Kamnitzer Stadtbuch ist eine solche Ortschaft aber nicht erwähnt. Den ältesten Beleg für den Namen „Henne“ stellt eine Kamnitzer Kirchenrechnung von 1603 dar, doch handelte es sich dabei um einen Flur- oder Geländenamen. Emil Neder gibt als Gründungsjahr von Henne 1631 an, Max Müller hingegen 1752. Letztgenannte Annahme dürfte jedoch nicht zutreffen, da schon in der Müller’schen Karte von 1720 der Ortsname „die Henne“ verzeichnet ist.

Der ursprüngliche Geländename und spätere Ortsname Henne ist nach Ansicht von Profous eine im Volke entstandene Bezeichnung analog zu dem in der Nähe befindlichen Geländeabschnitt „Hahnl“. Hierbei muss allerdings mit einem Fehler in der Volksetymologie gerechnet werden, denn „Hahnl“ scheint eher mit „Hain“ Zusammenhängen. (kleiner Wald). Zu prüfen wäre noch, ob „Henne“ nicht ein verballhorntes „Gehörne“ ist, nachdem diese Geländebezeichnung dort ebenfalls vorkommt. Dafür spricht auch, dass Henne meist „Henneberg“ genannt wurde.

Der älteste bekannte Beleg für die Ortschaft ist – außer der oben genannten Müller’schen Karte von 1720 – die Josefinische Karte von 1781/82, in der „Hennedörfl“ und „Harrach‘sche Henne“ (wahrscheinlich zum Harrachhof in Freudenberg gehörend) aufgeführt sind. Es folgen die Angaben der Topographen Schaller (1787) und Sommer (1833): „Henneberg oder Henne“. Ersterer gab als Ortsgröße 40 Nummern an (1771 war eine Ortserweiterung erfolgt), letzterer für dieses Dominikaldorf 46 Häuser mit 286 Einwohnern, unter denen mehrere Handelsleute und Hausierer mit Strumpfwaren waren. Die Obrigkeit besaß in Henne ein Forsthaus.

Trotz der Industrialisierung in den Nachbarorten während des 19. Jahrhunderts vergrößerte sich Henne in der Folgezeit nicht. Bei der Volkszählung von 1869 und 1890 hatte es 277 bzw. 265 Einwohner (durchwegs Deutsche) und selbst 1910 wurden diese Zahlen nur wesentlich überschritten. Hierbei muss allerdings berücksichtigt werden, dass der anschließend auf Böhmisch-Kamnitzer Grund entstandene Ortsteil Henne sich von 63 Einwohnern im Jahre 1869 allein bis 1880 auf 123 Einwohner vergrößert hatte.
Die häufigsten Familiennamen in Henne waren 1934: Knobloch, Lösel, Pech, Purkert und Werner.

Ortsteil Philippsdorf

Philippsdorf ist 1733 bis 1736 vom Grafen Philipp Joseph Kinsky 1,5 km nördlich von Niederkamnitz gegründet worden. Schon 1747 gab es im Ort eine Mühle am Weißbach, deren Besitzer und Ortsrichter Siegmund Eschler war. In der Josefinischen Karte von 1781/82 ist der Ort als „Philipsdorf“ aufgeführt.

Der Topograph Schaller (1787) gab „Philippsdorf“ mit 49 Nummern, der Topograph Sommer (1833) mit 55 Häusern und 333 Einwohnern an. Das Dominikaldorf hatte damals 1 Schule und 1 Mühle. Die Bevölkerungszahl erreichte 1848 mit 354 Einwohnern den Höchststand und ging allmählich über 289 im Jahre 1869 und 276 im Jahre 1890 auf 263 im Jahre 1910 zurück (durchwegs Deutsche). Um 1870 war zeitweise die Handweberei Florian Hübel in Philippsdorf ansässig, die sich später in Böhmisch-Kamnitz zu einem bedeutenden Betrieb entwickelte.
Der häufigsten Familiennamen in Philippsdorf waren 1934: Michel, Zucker, Büchse, Eschler, Fiedler, Hiekisch und Richter.

Gemeinde Niederkamnitz

Die drei Die Gemeinde Niederkamnitz bildenden Ortschaften Niederkamnitz, Henne und Philippsdorf hatten 1787 147 Nummern und 1833 164 Häuser mit 1050 Einwohnern. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es in Folge der beträchtlichen Vergrößerung, im Verlauf derer 1910 mit 1605 Einwohnern der Höchststand erreicht wurde.

Biografische Angaben: Aus Henne stammt der Textilindustrielle Franz Knappe (1840-1917) sowie Franz Krahl (1878-1949), Lehrer und Heimatkundler (u. a. „Die alten Steinkreuze im Teschner Bezirk“, „Die Entwicklung der Volks- und Bürgerschulen“), aus Philippsdorf der Professor der Philosophie an der Universität Innsbruck Josef Donat (1868-1946).

Lage

Die Ortschaft Niederkamnitz – mit etwa 275 bis 290 m Meereshöhe – liegt an der Einmündung der von Tetschen kommenden Staatsstraße und der von Windisch-Kamnitz und Johnsbach kommenden Bezirksstraße in die Stadt Böhmisch-Kamnitz und grenzt daher unmittelbar an die Stadt westlich an. Die Ortschaft Philippsdorf breitet sich – jenseits einer Hügelkette 1,5 km nordwestlich von Niederkamnitz – in Streulage um den Maiberg aus und liegt etwa 300 bis 320 m hoch. Mit Niederkamnitz und Böhmisch-Kamnitz ist es durch Gemeindestraße verbunden.

Die Ortschaft Henne befindet sich beiderseits der aus südlicher Richtung von Sandau nach Böhmisch-Kamnitz führenden 1826 bis 1833 ausgebauten Staatsstraße, teils in Streulage, in 320 bis 350 m Meereshöhe. Es grenzt direkt an die Stadt und daher zur Ortschaft Niederkamnitz keine direkte Straßenverbindung.

Bodengestalt

Das Gemeindegebiet von Niederkamnitz wird nördlich des Kamnitzbaches von einem anmutigen Hügelland eingenommen, dessen höchste Erhebung der Maiberg (362 m) bei Philippsdorf ist, während südlich vom Kamnitzbach der 442 m hohe Sattelsberg emporragt, welcher schöne Ausblicke auf den Talkessel von Böhmisch-Kamnitz bietet.

Das gleiche gilt für den sich unweit südlich davon erhebenden Heidelberg („Im Gehörne“) mit den Felsengruppen Vorderes Gehörne (390 m) und Hinters Gehörne (450 m), beide aber bereits in der Gemarkung der Gemeinde Freudenberg. Der tiefste Punkt liegt bei etwa 250 m.

Das Gemeindegebiet von Niederkamnitz hat überwiegend sandige Böden (Südrand des Elbsandsteingebirges), nur der Maiberg, der Sattelberg und die anschließenden Gehörne bestehen aus Basalt (Ausläufer des Böhmischen Mittelgebirges). Der Sattelsberg ist bekannt durch einige seltene Pflanzen (z. B. Deutscher Enzian) und Interessante Versteinerungen. Die landwirtschaftliche Nutzung nimmt 75% der Gemeindefläche ein; auf Forsten entfallen nur 20% und zwar hauptsächlich am Sattelsberg und bei der Henne sowie am Maiberg. Der Großteil des Waldes gehörte zur Kinsky’schen Domäne Böhmisch-Kamnitz, die in Henne ein Forsthaus hatte.

Außer den genannten Bergen sind folgende Punkte in der Gemeinde von touristischer Bedeutung: das Kamnitzbachtal, welches hier in die Enge der Rabsteiner Felsen (Gemeinde Johnsbach) eintritt, sowie die „Steinwand“ zwischen Niederkamnitz und Philippsdorf, mit welcher die Kette der das Kamnitztal bis Herrnskretschen säumenden Sandsteinfelsen beginnt.

Gewässer und Trinkwasserversorgung 

Das wichtigste Gewässer ist der Kamnitzbach, der die Ortschaft Niederkamnitz von Osten nach Westen durchfließt und industriell genutzt wird. Auf dem Weg durch die Gemeinde nimmt der Kamnitzbach zwei Rinnsale von Norden her (Albsgraben und Graben aus der Goulcht) und drei Rinnsale von Süden her auf (davon das bei Henne entspringende Flössel und eines von der Flur Edelmanns-Brichtich). Philippsdorf wird vom Weißbach oder Johnsbach durchflossen, mit dessen Kraft eine Mühle angetrieben wurde; er mündet in der Ortschaft Johnsbach in den Kamnitzbach.

Teiche: der Meierhofsteich in Niederkamnitz und der Kühteich bei Henne. Der unmittelbar südlich von Henne in einer sehr wasserreichen Mulde liegende Herrenteich gehörte zur Gemeinde Gersdorf.
Trinkwasserversorgung: Gemeindewasserleitung in Niederkamnitz.

Flurnamen

In Niederkamnitz: Edelmanns Brichtich, Klötzerplan, Schaffer Janzens Lange, Hachens Loch, Pferdewiese, Meierhoffelder, Albsgraben, Steinwände, Vorderes Gehörne, Hinteres Gehörne, Weinleite, Bei der Lochmühle (die Mühle selbst lag in der Gemeinde Kamnitz-Neudörfel).

Philippsdorf: Weißbachtal, Büchsflößel, Büchsens Berg, Mühlberg, Mühlbusch, Mühlteich, Maiberg, Steincken, Hirschbergl, Bergerbüschl, Im Eichgarten, Am Dittersbacher Steig, Büchsbusch, Büchs‘n Steinbruch, Piesch‘n Steinbruch, Philippsmühle, Am Vogelherd, Am Kapellerl, Fuchssteig, Patznerberg, Steinwandwegel, Steinwände.

Bevölkerung und Erwerb

Die wirtschaftliche Struktur von Niederkamnitz hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts stark gewandelt. Durch die Industrialisierung nahm die Quote des von industriellen und handwerklichen Berufen lebende Bevölkerungsteils auf 57,5 % im Jahre 1939 zu, während auf die land- und forstwirtschaftliche Bevölkerung nur mehr 14,9 % entfielen. Dies ist umso beachtlicher, als durch die Auflösung des Niederkamnitzer Meierhofes Ende des 19. Jahrhunderts ansehnliche Wirtschaftsflächen in bäuerlichen Besitz übergegangen waren. So ist es zu erklären, dass es 46 hauptberufliche Landwirte gab (Adressbuch 1934), von denen 33 mit Wirtschaftsflächen von 5 bis 20 ha und die übrigen mit Flächen knapp unter 5 ha ausgestattet waren. Von den 46 Landwirten gemäß dem Adressbuch von 1934 waren 11 in der Ortschaft Niederkamnitz, 20 in Henne und 15 in Philippsdorf ansässig. In letztgenannter Ortschaft wurde ansehnlicher Obstbau betrieben, besonders an den Abhängen des Maiberges.

Mit den oben genannten hohen Gewerbequoten steht in Einklang, dass der Arbeiterstand überdurchschnittlich stark vertreten war (55,1 %). Ein Teil der Arbeitnehmer hatte die Arbeitsplätze allerdings in Böhmisch-Kamnitz, während andererseits Kräfte aus Johnsbach, Kamnitz-Neudörfel und Freudenberg in Niederkamnitz beschäftigt waren.

Der dominierende industrielle Betrieb war die Baumwollspinnerei und -zwirnerei Franz Knappe Sohn in der Ortschaft Niederkamnitz. Zur Zeit der Vertreibung verfügte diese Firma über 32204 Ringspindel und 8424 Selfactorspindeln sowie 4276 Zwirnspindeln und beschäftigte 270, zu 80% weibliche Arbeiter (in guten Geschäftsjahren waren es 650 bis 700 Mitarbeiter). Außerdem gab es in Niederkamnitz 2 Sägewerke (Büchse und Domäne Kinsky) und 1 Ziegelei. Der seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Niederkamnitz ansässige Baumwollspinnereibetrieb der Fa. Franz Preidl wurde infolge Konkurs des Unternehmens Anfang der 30er Jahre eingestellt. Auch der Wollwarenerzeugungsbetrieb und die Rouleaux- und Jalusienfabrik sowie die „Philippsmühle“ in Philippsdorf arbeiteten nicht mehr.

An Handwerkern mit etwas mehr als lokale Bedeutung gab es 1934 in Niederkamnitz 3 Drechsler, 2 Glaskugler sowie 2 Töpfer und in Henne je 1 Fassbinder und Messerschmied. In Niederkamnitz bestanden 3 Lohnfuhrwerksbetriebe.

Verkehr, Gastgewerbe, Sport

Nächste Bahnstation: Böhmisch-Kamnitz, Post: Böhmisch-Kamnitz, Autobusverbindungen nach Böhmisch-Kamnitz und über Bensen nach Tetschen.
Seit 1932 befand sich oberhalb der Steinwand zwischen Niederkamnitz und Philippsdorf der Restflugplatz des Fürsten Ulrich Ferdinand Kinsky.
Gastgewerbe: In Niederkamnitz 4 Gasthäuser: R. Franz (Nr.76), „Rosenthal“ (J. Hahnel, Nr. 100), „Sächsische Schweiz“ (F. Kunert, Nr. 58) und J. Theißig (Nr. 55). In Henne: J. Pietsch (Nr. 38) und J. Storch (Nr. 31). In Philippsdorf: A. Dörfel (Nr. 30) und J. Jahnel (Nr. 45).
Sportanlagen: siehe Böhmisch-Kamnitz.

Pfarrei, Matriken, Kirche

Die Ortschaft Niederkamnitz gehörte stets zur Stadtpfarrei St. Jakob d. Ä. in Böhmisch-Kamnitz und war mit dieser von 1532 bis 1624 überwiegend lutherisch. Auch die Ortschaften Henne und Philippsdorf (gegr. im 17. bzw. 18.Jahrhundert) wurden bei ihrer Gründung nach Böhmisch-Kamnitz eingepfarrt.

Die Matriken für die gesamte Gemeinde sind – sie sämtliche Kirchenbücher von Böhmisch-Kamnitz – seit 1630 erhalten, jedoch bestehen zwischen 1714 und 1735 gewisse Lücken.

Die Gemeinde Niederkamnitz nahm am Böhmisch-Kamnitzer Kirchenfest (25.Juli, Jakobi) und am Patrioziniumsfest der Böhmisch-Kamnitzer Marienkapelle (8.September, Mariä Geburt) Teil, im letzteren Fall durch Prozessionen.

Philippsdorf beging wegen einer gut überstandenen Dürreperiode seit 8142 jeweils am 23.August einen Gelöbnistag mit Betstunden und einer Prozession zur Marienkapelle nach Böhmisch-Kamnitz; ebenso beteiligte sich der Ort an einem Pestgelöbnistag der Pfarrei Böhmisch-Kamnitz jeweils am 21. November (Mariä Opferung). In Henne war seit etwa 1800 am 26. Juli (Anna) eine Prozession zur Böhmisch-Kamnitz Marienkapelle üblich.

Wegekreuze: „Scheidekreuz“ an der Straße nach Johnsbach, wo zur Zeit der Gegenreformation die Exulanten aus Kamnitz Abschied von der Heimat nahmen.

Schule

Die Ortschaft Niederkamnitz und Henne sind seit jeher nach Böhmisch-Kamnitz eingeschult. Die Ortschaft Philippsdorf hat mindestens seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine zu Böhmisch-Kamnitz gehörende Filialschule, an der 1833 der Lehrer Adolf Appelt unterrichtete. Sie wurde später selbständig, blieb aber bis 1945 einklassig.

Verwaltung

Soweit festgestellt werden konnte, gehörte Niederkamnitz seit seiner Gründung zum Erbgericht und später zum Stadtgericht Böhmisch-Kamnitz. Im ältesten Kamnitzer Stadtbuch (beginnt 1380) sind die das Dorf Niederkamnitz betreffenden Rechtsfälle nicht direkt erkennbar, weil keine Unterscheidung zwischen Ober-, Nieder- und Stadt Kamnitz gemacht wurde. Wahrscheinlich beziehen sich aber gelegentliche Erwähnung, wie z.B. 1393 „in dem Dorfe an dem Ende“ , auf Niederkamnitz. Von 1648 bis 1849 besaß Niederkamnitz eine eigene Ortsrichterei, zu der auch Oberkamnitz gehörte.

Im Jahre 1849, wurde Niederkamnitz einschließlich Philippsdorf und Henne selbstständige Gemeinde und hatte seit 1918 folgende Gemeindevorsteher bzw. Bürgermeister: Johann Knechtel, Hugo Frind, Josef Wertner und August Purkert. Gemeindepersonal: Gemeindesekretär (bis in die 20er Jahre) und 1 Gemeindediener.

Durch Beschluss des Reichsstatthalters vom 18. März 1943 (Verordnungsblatt für den Reichsgau Sudetenland Nr. 6, S. 29) wurde Niederkamnitz ebenso in Oberkamnitz in die Stadt Böhmisch-Kamnitz eingegliedert. Dadurch stieg deren Einwohnerzahl von 4360 im Jahre 1939 auf 7417, wobei allerdings auch eine gewisse Zuwanderung um etwa 560 Personen eine Rolle spielte.
Elektrisches Licht wurde in Niederkamnitz 1919/20 eingeführt.

Kulturpflege und Vereinsleben

Vereine: Freiwillige Feuerwehr, Kaninchen- und Kleintierzuchtverein, Landwirtschaftliches Kasino, Ortsgruppe der Textilarbeiter „Union“.
Brauchtum und Sonstiges: siehe Böhmische-Kamnitz.

Sehenswertes 

Mehrere ansehnliche Bauernhöfe. Meierhofsgebäude.

Nachwort (Ausklang)

Angaben über die Kriegsverluste der Gemeinde Niederkamnitz sowie über den Verbleib der Einwohner nach der Vertreibung sind nicht möglich, da die betreffende Feststellung nicht gesondert erfolgte. Vielmehr sind diese Daten in den Angaben für die Stadt Böhmisch-Kamnitz mitenthalten.

Die tschechische Gemeindeeinteilung nach 1945 hat die 1943 erfolgte Einbeziehung der Gemeinde Niederkamnitz in die Stadt Böhmisch-Kamnitz aufrechterhalten. Als zur Stadt Ceska Kamenice (Böhmisch-Kamnitz) gehörende Ortschaften hatten 1961 Dolní Kamenice (deutsch Niederkamnitz) 799, Huníkov (deutsch Henne) 67 und Filipov (deutsch Philippsdorf) ebenfalls 67 Bewohner; auf dem gesamten ehemaligen Gemeindegebiet lebten 1961 somit 933 Personen gegenüber 1527 im Jahre 1939.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam Niederkamnitz zur Tschechoslowakei zurück. Die deutschen Bewohner wurden bis 1946 vertrieben und der Ort erhielt den Namen Dolní Kamenice (deutsch Niederkamnitz)

Heute

Dolní Kamenice (deutsch Niederkamnitz) ist ein Ortsteil der Stadt Česká Kamenice im Okres Děčín in Tschechien. Es befindet sich im Westen von Česká Kamenice. Es gibt 188 registrierte Adressen. Im Jahr 2011 hatte der Ort 1.102 Einwohner.

Tetschen-Bodenbach – Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach“ (Hrsg.) Heimatkreis Tetschen-Bodenbach. Ein Buch der Erinnerung“ – 1969
Alfred Herr – Heimatkreis Tetschen-Bodenbach: Städte und Gemeinden“ – Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach e.V.“ 1977 – S.565-570

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